Hebräischschüler des Albertus-Magnus-Gymnasiums besuchen die Synagoge in Rottweil

Seit Schuljahresbeginn haben Caesare, Simona und Shenice aus den Klassen 9 ein neues Hobby: Sie lernen Hebräisch, ein Fach, an das sich wahrlich nicht jeder herantraut. Das Alphabet ist für den Laien ein komplettes Rätsel, selbst wenn man wie Simona und Shenice bereits Griechisch gelernt hat. Man liest Hebräisch von rechts nach links; die Aussprache klingt ganz anders als alles bisher im Sprachunterricht Gehörte. Das Lehrbuch ist die Tora selbst; zu Beginn gibt es glücklicherweise Einstiegarbeitsblätter. Jeden Donnerstag treffen sich die sieben Schüler der Klassen 9 mit ihrer Hebräischlehrerin am AMG. „Mich hat gerade diese ganz andere Kultur fasziniert, deshalb möchte ich Hebräisch lernen“ - „Nochmals ein ganz neues Alphabet, eine komplett fremde Welt wollte ich kennenlernen“ – so begründen Simona und Shenice ihre Entscheidung, Hebräisch zusätzlich zu lernen.

Synagogenbesuch2019Mit dem Besuch der Synagoge in Rottweil am vergangenen Donnerstag erhält der Hebräischunterricht eine ganz aktuelle Bedeutung. Hier finden die Schüler neue Einblicke in die hebräische und jüdische Kultur vor Ort. Sie werden freundlichst von Tatjana Malafy, Geschäftsführerin der jüdischen Gemeinde in Rottweil, empfangen, die der Gruppe höchst detailliert und spannend das Gemeindeleben und die Situation der jüdischen Bevölkerung in Rottweil vor Augen führt. Nach den gesellschaftlichen Spannungen, die durch die Schüsse in Halle unlängst entstanden sind, ist die Offenheit und Freundlichkeit bemerkenswert. 280 Juden, die in den Landkreisen Rottweil, Schwarzwald-Baar und Tuttlingen leben, gehören zur Zeit zur jüdischen Gemeinde in Rottweil. Sie führen ein intensives Gemeindeleben: Freitag und Samstag werden die teilweise sogar 2-3stündigen Gottesdienste lebhaft von den Gemeindemitgliedern besucht. Am Freitagabend treffen sich alle Juden, um den Schabbat, der 25 Stunden dauert und ganz der Familie gewidmet ist, zu feiern. Selbst das Handy wird an diesem Feiertag ignoriert. Am Samstag geht der Gottesdienst tatsächlich bis zu drei Stunden inklusive Toralesung. Am Sonntag findet auch die Sonntagsschule für die Kinder der jüdischen Gemeinde statt. Auch Nichtjuden können nach vorheriger Anmeldung an diesen Gottesdiensten teilnehmen. Eine Mesusa, eine Kapsel mit jüdischem Glaubensbekenntnis an jedem Türrahmen, schützt jüdische Häuser und auch die Synagoge. Im Mittelpunkt des Synagogenbesuchs stand die Tora. In Rottweil gibt es 3 Torarollen, die die jetzt seit 17 Jahren bestehende Gemeinde als Geschenk unter anderem zur Einweihung vom Landkreis Rottweil erhielt. Jede Torarolle enthält die 5 Bücher Mose, aufgeteilt in 54 Wochenabschnitte. Ein Abschnitt umfasst ca. 9 Kapitel. Die Tora ist selbstverständlich auf Hebräisch verfasst; ebenso wie der Gottesdienst vom Rabbiner auf Hebräisch gehalten wird. Die jüdischen Kinder in Rottweil haben wöchentlich zwei Stunden Religionsunterricht, in dem sie auch Hebräisch lernen. Gerne hätten die Schüler einen Blick in diese Rollen geworfen; dies ist aber nur dem Rabbiner möglich. Auch er darf die Tora nicht anfassen, sondern ist zu diesem Zweck mit einer „Jad“ ausgestattet, einer zusätzlichen „Hand“ zum Berühren der Tora. Besonders fasziniert hat die Schüler die Atmosphäre in der Synagoge. Obgleich sehr schlicht gehalten, vermittelt das helle Holz und das warme Licht eine angenehme Geborgenheit. Der Raum ist vergleichsweise klein, die Dreierbänke einladend. So wird die Zeit mit lebendigen Erzählungen aus der jüdischen Gemeinde, mit denen Tatjana Malafy das jüdische Leben nicht nur in Rottweil veranschaulicht, nicht lang. Nach einer Stunde vollgepackt mit neuen Informationen und persönlichen Erfahrungsberichten, sind sich die Schüler sicher: es lohnt sich Hebräisch zu lernen. Denn erst auf diese Weise erhält man wirklich Einblick in die jüdische Lebenswelt. Ja, man kann sogar ein klein wenig Teil von ihr werden. In einer Zeit, in der Toleranz und Akzeptanz eine wichtig Rolle spielen, sicher eine nicht ganz unwichtige Fähigkeit.

Shenice Rapp und Simona Schönewolf, Klasse 9